
In der letzten Folge habe ich die Vielfalt unter der Erdoberfläche etwas beleuchtet. In diesem Beitrag drehen wir den Blickwinkel um 180 Grad und beschäftigen uns mit dem Geschehen im Tageslicht.
Was auf den Böden wächst und gedeiht, beeinflusst nämlich die Abläufe im Boden. Die Wurzeln beeinflussen die Bodenchemie und abgestorbene Teile sind Futter für das Bodenleben.
Dabei werden die Blätter von Erle und Hainbuche gerne verwertet und rasch umgesetzt, während Walnuss, Edelkastanie und der in Gärten beliebte Kirsch-Lorbeer lange verschmäht werden. Ihre Blätter
enthalten Gifte, die das Bodenleben stören. Schon aus diesem Grund sollte man sich informieren, welche Folgen eine Anpflanzung, sei es im Garten oder im Wald, für die
Bodenfruchtbarkeit haben könnte.
Im schlimmsten Fall wird der Boden durch menschliche Bautätigkeit versiegelt. Dann stirbt alles Lebendige, da Wasser und Luft fehlen. Der Boden bleibt auf sehr lange Zeit für
alle ökologischen Funktionen, wie Reinhaltung des Grundwassers, Produktion von Nahrungsmitteln und Erhalt der Biodiversität, verloren. „In Nordrhein-Westfalen gehen im vierjährigen
Mittelwert täglich rund 6,2 Hektar wertvolle Natur- und Freifläche verloren. Die Siedlungs- und Verkehrsfläche in Nordrhein-Westfalen nimmt inzwischen bereits einen Anteil von rund 23,9
% an der gesamten Landesfläche ein.“ (www.umwelt.nrw.de/themen/umwelt/umwelt-und-ressourcenschutz/boden-und-flaechen/flaechenverbrauch vom 28.09.2025) Land und Bund sind noch weit von der
Erreichung ihrer Ziele im „Flächenschutz“ entfernt. Das Statistische Bundesamt schätzt, dass 42 - 50% der Siedlungs- und Verkehrsflächen versiegelt sind.
Aber das ist nur die Spitze des Eisbergs.
Böden wollen immer von Pflanzen bedeckt sein. Nackte Böden werden leicht Opfer von Wind- und Wassererosion. Dabei genügt ein Regenguss, um die stabilen Bodenkrümel zerfließen zu
lassen, was die Poren verstopft, die Wurzeln und Bodenleben mit Luft versorgen. Schließlich wird der Boden fortgespült, was in Hanglagen, wie man sie bei uns im Sauerland findet, besonders oft
der Fall ist.
In unseren Breiten wird nackter Boden unter natürlichen Bedingungen sehr schnell wieder von Pflanzen besiedelt. Manche sind geradezu darauf spezialisiert, z. B. Huflattich und Weidenröschen.
Schließlich entsteht nach einigen Vorstufen wieder Wald auf der Fläche. Aber die vorausgegangene Störung lässt sich immer noch im Boden durch das Fehlen bestimmter Arten und das Auftauchen
anderer nachweisen. Wirklich ungestörte Böden sind bei uns sehr selten geworden, aber nur auf ihnen kann man überhaupt Frühblüher finden, die ja bekanntlich unterirdische Speicherorgane besitzen,
z.B. den Wald-Goldstern.
So lässt sich für jede Pflanzenart eine Art Steckbrief anfertigen, der ihre Vorlieben oder Anpassungen an die vorhandenen Umweltparameter, wie Wasser, pH-Wert, Licht usw. ausweist. Manche Arten
sind dabei so speziell, dass man sie als Zeigerpflanzen für die Langzeiteigenschaften eines Bodens benutzen kann. Gänsefingerkraut und Breit-Wegerich wachsen auf
stark verdichteten Böden, Echter Erdrauch und Ackervergissmeinnicht auf feuchten, lockeren und gut durchlüfteten Böden. Wer in seinem Garten
Vogel-Sternmiere und Persischen Ehrenpreis findet, weiß, dass der Boden viel Humus enthält, während die Große Brennnessel und
Ackerhellerkraut für nitratreiche Böden stehen.
Bis in die 1950ger Jahre kannte jeder Landwirt die „Unkräuter“ auf seinen Anbauflächen. Sie waren auch Gegenstand der Ausbildung. Dabei ging es nicht nur darum, wie man sie am besten vernichtet,
sondern vor allem um ihre Bedeutung für die Planung von Bodenbearbeitung und Düngung. Durch die Möglichkeit, schnell zur Giftspritze greifen zu können, ging viel vom traditionell überlieferten
Kenntnisstand der Landwirte verloren. Die kostenlosen „Berater“ sind heute vielfach auf der Roten Liste der bedrohten Arten zu finden.
Auch im Wald verraten Pflanzen etwas über Bodeneigenschaften. Moospolster unter Fichten mahnen, dass hier die Bodenbildung gestört ist und neu einsetzt. Wenn gar
Torfmoose in Gräben auftauchen, ist das abfließende Wasser stark sauer. In solchen Böden werden giftige Schwermetalle frei und schädigen die Wurzeln. Fichtennadeln können sogar
einen Boden auf Kalk versauern. Ich befürchte, dass die im Zuge der „Klimapassung“ neu eingeführten Baumarten auf Dauer ebenfalls einen negativen Einfluss auf die Bodenfruchtbarkeit haben werden,
denn unser Bodenleben ist darauf nicht eingestellt.
Für den Verlust von fruchtbarer Bodenkrume gibt es keinen schnellen Ersatz. Die Zeitangaben für die Bodenneubildung weichen in der Literatur stark voneinander ab. Der dynamische
Prozess läuft je nach chemischen Eigenschaften des Grundgesteins, des Klimas usw. unterschiedlich ab und ist noch weniger erforscht, als die Bodenverluste durch Erosion. Einen kleinen Eindruck
gibt folgender Wert: „Im Durchschnitt dauert es 10 Jahre, bis sich unter einer Moospolsterschicht von 10 cm² auf anstehendem Gestein ein humoser, gut durchmischter Mineralboden mit einem
Trockengewicht von 0,5 g gebildet hat.“ (G. Brucker: Lebensraum Boden, S.32)
Stellt man dem die Bodenverluste gegenüber, ergibt sich ein furchtbares Bild. „Laut Weltagrarbericht gehen mehr als 24 Milliarden Tonnen jedes Jahr durch Erosion verloren. Das sind mehr als drei
Tonnen pro Erdbewohner. 970 Millionen Tonnen fruchtbarer Erde verliert allein die Europäische Union jedes Jahr. Die Menge reicht aus, die Stadt Berlin um einen Meter höherzulegen.“ (Peter
Laufmann: Der Boden, S.146) Wir verlieren den Boden unter unseren Füßen!
Für die Lösung des Problems sind wir alle gefragt. Unser Lebensstil, wie wir wohnen und wie wir essen hat großen Einfluss auf unsere Umwelt. Und natürlich muss sich auch die
Landwirtschaft umstellen. Ziel darf nicht mehr die ständige Ertragssteigerung sein, sondern die Pflege der Böden und Humusaufbau. Ob Städteplaner, Gartenbesitzer oder Land- und Forstwirt, für
alle gilt der Aufruf: „Erhaltet ungestörte und schafft lebendige Böden!“
Mit diesem Thema beschäftigt sich auch der Film „Unser Boden – unser Erbe“, der demnächst in der Reihe „Weltsichten“ in Altenhundem und Attendorn im Kino läuft.




